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Wo sich Antifeministen, christliche Fundamentalisten und Demokratiefeinde treffen

Ein internationales Netzwerk aus Antifeministen, die Reproduktionsrechte einschränken wollen, christlichen Fundamentalisten und Demokratiefeinden – klingt nach Verschwörungstheorie? Ist aber Wirklichkeit. Im Februar trafen sich 4.000 Mitglieder des ARC in London, um ihre neue Weltordnung zu planen. Zuletzt aus Deutschland mit dabei: die ehemaligen AfD-Vorstände Frauke Petry und Joana Cotar, der verschwörungstheorie-freundliche Unternehmer Markus Krall und Privatstadt-Unternehmer Titus Gebel.

Zwei wichtige Personen im Kontext des ARC-Netzwerkes (ARC = Alliance For Responsible Citizenship) auf der ARC-Konferenz im Februar 2025: Der Pro-Brexit-Politiker Nigel Farage und Konferenz-Mitorganisator Jordan Peterson
Der rechtspopulistische Pro-Brexit-Politker Nigel Farage (rechts) im Interview mit ARC-Mitornaisator und Psychologe Jordan Peterson. Foto: IMAGO / Parsons Media

Mitte Februar 2025 fand mit 4.000 Teilnehmenden in London die zweite Konferenz der ARC statt, der „Alliance for Responsible Citizenship“ (in etwa: „Allianz für verantwortungsbewusste (Staats-) Bürgerschaft“). Zu den bekanntesten Teilnehmern zählen der Sprecher des US-Repräsentantenhauses Mike Johnson, die Vorsitzende der konservativen britischen Tories Kemi Badenoch, Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage sowie die Trump-Unterstützer Peter Thiel und Vivek Ramaswamy, der eigentlich mit Elon Musk das DOGE-Team leiten sollte.

Einer der Finanziers der ARC ist der rechtsgerichtete britische Hegdefonds- und Medien-Unternehmer Paul Marshall. Er besitzt die Medienportale GB News, UnHerd und The Spectator. Sie alle sind dem konservativen bzw. zum Teil auch rechten Medienspektrum zuzuordnen. Verbunden ist diese Konferenz mit dem kanadischen Psychologen Jordan Peterson, der mit dem 2018 erschienenem antifeministischen Buch „12 Rules for Life“ international bekannt wurde. Peterson ist Jungianer, also ein Anhänger von C. G. Jung, dessen mythologischer Archetypen-Lehre bereits die Nazis sehr viel Sympathie entgegenbrachten. Auch für die antifeministische „mythopoetische“ Bewegung der „Wilden Männer“ in den 1990er Jahren spielten C. G. Jungs Archetypen des Königs und des Kriegers eine zentrale Rolle.

„Es ist großartig. Sie haben Angst“

Die Konferenz wird aber nicht von Jordan Peterson alleine organisiert. Relevant für den deutschsprachigen Raum ist vor allem die Österreicherin Gudrun Kugler. Ihr Ehemann war Pressesprecher bei Opus Dei; sie selbst engagiert sich entsprechend rückschrittlich gegen Abtreibungen und die Gleichstellung von Schwulen und Lesben in der Gesellschaft. Kugler hat Erfahrungen mit dem Organisieren von internationalen antifeministischen Konferenzen. Sie war maßgeblich an der Organisation der geheimen „Agenda Europe“-Konferenzen beteiligt. Dieses Netzwerk aus rund 100 bis 150 Personen hatte sich auf die Fahne geschrieben, die „natürliche Ordnung wiederherstellen“ und das „Naturrecht verteidigen“ zu wollen – und dabei die Reproduktionsrechte von Frauen* und LGBTQIA*-Personen sowie die Autonomie von Jugendlichen stark einzuschränken.

Durch mehrere Leaks sind diese Tagungen von London, München, Warschau und Dublin bekannt geworden. Im letzten Leak von 2024 wurde auch die E-Mail-Korrespondenz bekannt. Die bekannte Antifeministin Birgit Kelle schrieb im Frühjahr 2017 laut Klementyna Suchanow über die Berichterstattung zu diesen Leaks:

Ich habe das gerade gelesen. Sie konzentrieren sich auf die großen Organisationen, aber sie kennen viele von uns nicht wirklich. […] Gudrun wird nicht erwähnt, was toll ist. Aus Deutschland wird nur die neue Partei AfD und Beatrix von Storch erwähnt. Die anderen Akteure und was wir machen, kennen sie natürlich nicht. Also keine Panik. Es ist großartig. Sie haben Angst.

Antifeministin Birgit Kelle zur Berichterstattung über die „Agenda Europe“-Konferenzen

Antifeminist*innen aus dem deutschsprachigen Raum zu Gast

Auch Birgit Kelle ist jetzt bei der ARC wieder mit dabei. Sie war zuständig für die Auswahl der etwa einhundert deutschsprachigen Teilnehmer*innen während der ARC-Konferenz 2023. Bei Tichys Einblick kamen damals einige dieser Teilnehmer*innen selber in einem Video zu Wort. Neben Birgit Kelle zum Beispiel Roger Köppel, rechtsgerichteter Schweizer Politiker (SVP) und Chefredakteur (Die Weltwoche). Ebenfalls vertreten waren der explizite Demokratiefeind Markus Krall, der Privatstadt-Unternehmer Titus Gebel sowie die ehemalige AfD-Vorständin Frauke Petry und die ehemalige AfD-Abgeordnete Joana Cotar. Während sich Joana Cotar vorstellen könnte, mit Markus Krall zusammen zu arbeiten, tritt Frauke Petry immer häufiger aktiv im Umfeld von Markus Krall auf – so zum Beispiel beim Bürgergipfel in Stuttgart, bei Kralls Atlas-Initiative oder bei Veranstaltungen des staatsfeindlichen, marktradikalen Mises-Instituts.

Bei Tichys Einblick kommentiert aktuell die ehemalige Moderatorin des katholischen Fernsehsenders EWTN, Anna Diouf, die Konferenz ARC: „Der Wandel ist noch nicht da, aber jetzt ist die Zeit, um nicht mehr problem-, sondern lösungsorientiertes Denken zu implementieren, um handlungsfähig zu sein, wenn DOGE, ‚Afuera‘ und der Niedergang der linken konstruktivistischen Agenda voll auf Deutschland durchschlagen werden.“

DOGE ist der sozialstaatsfeindliche Staatsstreich von Elon Musks Nerd-Team im US-Finanzministerium und „Afuera!“ ist der Schlachtruf des argentinischen Präsidenten Javier Milei. Mit diesem Schlachtruf und der Kettensäge in der Hand werden Sozialstaats- und Antidiskriminierungsmaßnahmen beendet. Es ist auch eine Lieblingsvokabel von Frauke Petry geworden, die es zwar nicht geschafft hat, den Faschisten Höcke aus der AfD zu werfen, aber eine ähnliche Ausgrenzungspolitik wie Milei und Musk plant. Wie die zerstörerische Kettensägen-Politik von „Afuera!“ mit der katholischen Soziallehre vereinbar sein soll, wissen wahrscheinlich nur die Klerikalfaschisten in der Nachfolge des Austrofaschismus.

Über die Netzwerke des Austrofaschismus, die bis zu US-Vizepräsident J.D. Vance reichen, hat Andreas Kemper hier geschrieben:

Religion als Ersatz für Arbeitsethos

Warum kommt es zu diesem Zusammenspiel von Fundamentalismus und Proprietarismus (Anm. d. Red.: Kapitalistische Ideologie, nach der die uneingeschränkte Macht von Eigentümer*innen über allen anderen Rechten steht )? Einen Einblick in eine mögliche Antwort darauf liefert der Psychologe Peterson mit Peter Thiel im Interview: KI ersetze die Arbeit, über die die Menschen sich bislang definiert haben, daher bräuchten wir Religion. Er blendet dabei aus, dass hier auch eine Senkung der Produktionskosten stattfindet. Der damit einhergehende Mehrwert wird allerdings nicht auf die Menschen verteilt, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, sondern lediglich in den demokratiezerstörenden, neoaristokratischen Überreichtum der Reichen fließt.

Vor genau einem Vierteljahrhundert erschien das Buch „Empire – die neue Weltordnung“ von Michael Hardt und Antonio Negri. Sie erklärten, dass die zunehmende Technologisierung dazu führe, den Wert der Arbeit immer weniger messbar zu machen, wodurch die Bezahlung immer willkürlicher würde. Ich vermute, deshalb greifen Peterson und Thiel nun auf Gott und die Religion zurück. Die Religion tritt an die Stelle des Leistungsprinzips. Die Eigentums- und Vermögensverteilungsordnung wird zunehmend religiös begründet, die „Nähe zu Gott“ wird an die Herkunft gekoppelt, die ‚Unterschichtsfamilien‘ sind näher bei der Hölle und Satan, die ‚Oberschichtsfamilien‘ sind näher beim Himmel und Gott.

Liest man die ersten achtzig Seiten von Petersons Buch „Gott. Das Ringen mit einem, der über allem steht“, dann zeigt sich, dass sich die Vertikalität seines Weltbildes nicht nur im Titel der deutschen Übersetzung wiederfindet, sondern, dass man wie ein Ball ständig von oben (gut) nach unten (schlecht) springt. Wenn es keine gesellschaftliche Utopie einer egalitären Gesellschaft gibt, bleibt nur der aufgestaute Stillstand der ständischen Gesellschaft. „Denn ein Ringen, dessen Ausgang von Anfang an klar ist, ist kein Ringen. Kaum ein christlicher Autor füllt so viele Seiten mit so wenig Zweifel. Kaum ein Denker ist so fundamental unphilosophisch. Peterson sucht keine Erkenntnis, sondern Sicherheit“, schreibt Nele Pollatschek über das Buch bei Zeit Online. Sicherheit für wen?

Ein neuer Adel?

Zu den Teilnehmern der Konferenz gehört auch Erik Prince. Prince kommt aus einer milliardenschwerden US-amerikanischen Familie. Seine Schwester Betsy heiratete standesgemäß in die ebenfalls superreiche Milliardärsfamilie DeVos ein und war von 2017 bis 2021 Bildungsministerin unter Trump. Auch Erik Prince verkörpert die Verschmelzung von proprietaristischer (libertärer) und christlich-fundamentalistischer Einstellung – und zwar nicht nur als Ideologie, sondern auch durch seine Handlungen.

Er hatte mit Blackwater die größte US-amerikanische Privatarmee gegründet und gehört wie die Familie DeVos zu den Großspendern für antifeministisch-christliche Organisationen wie die Alliance Defending Freedom (ADF). Auch die ADF war natürlich vor Ort und feierte dort die zuvor vom US-Vizepräsidenten J.D. Vance während der Münchener Sicherheitskonferenz geäußerte Positinierung, der Hauptfeind sei nicht Russland oder China, sondern die „woke“ Bedrohung der Meinungsfreiheit im Westen.

Dies macht deutlich: Der Neoaristokratismus muss sich nicht nur auf „echten“ Adel beziehen. Hier bildet sich ein neuer Adel. Aber nicht willkürlich, der Uradel spielt weiterhin eine Rolle.

Die Party danach: D’ARC Enlightment

Es scheint mehr Berichte über die Party nach der Konferenz als über die Konferenz selber zu geben. Das ist auch nicht verwunderlich. Will man wissen, was wirklich gedacht und geplant wird, geht man in die Hinterzimmer. Die ARC-Party wurde D’ARC genannt, im Selbstverständnis des Kampfes gegen die Unterdrückung wahrscheinlich eine Hommage an Jeanne D’Arc. Falsch ist aber auch nicht die Assoziation mit dem „Dark Enlightment“, die „Dunkle Aufklärung“ des „Neoreaktionären“ Curtis Yarvin. Yarvin soll sich auch auf der Party befunden haben, die aus etwa 80 Prozent Männern bestand. Zumindest befand er sich in London und das rechtsgerichtete Magazin des ARC-Finanziers Marshall, „The Spectator“, führte ein Interview mit ihm, unter anderem wieder einmal zur Demokratie.

Yarvin lehnt die Demokratie als gescheitert ab, wünscht sich für die USA einen Monarchen und kann der Sklaverei Positives abgewinnen. Monarchie und Sklaverei – auch hier treffen sich, überspitzt gesagt, der katholische Integralismus mit dem demokratiefeindlichen Proprietarismus. Von mehreren Journalist*innen wurde jedoch angemerkt, dass der christliche Fundamentalismus und der technokratische „Libertarimus“ eher etwas für die obere Gesellschaft der ARC-Konferenz seien. Im D’ARC-Room fand sich eher der subkulturell-faschistische Rassismus wieder. Zusammengebracht ist das eine explosive Mischung, die gleichzeitig die wahren Absichten dieser pseudo-adligen Elite entlarvt. Ihr Ziel ist es, unter einem völkischen Deckmantel die Demokratie zu sprengen und möglichst viel Macht für sich zu erlangen – koste es, was es wolle.

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Autor*innen

Andreas Kemper recherchiert als freischaffender Soziologe zu Netzwerken der Ungleichheit und analysiert deren Ideologien. Seine kritischen Analysen zu Klassismus/Neoliberalismus (klassismus.de), Rassenbiologie und organisiertem Antifeminismus (diskursatlas.de) führten bereits im Juli 2013 zu seinem Buch „Rechte Euro-Rebellion“ zur AfD als Sammelbecken dieser Strömungen. Es handelte sich hierbei um die mit Abstand erste kritische Buchpublikation zur AfD. Kemper warnte hier nicht nur vor der Entstehung einer rechten Partei, sondern konnte auch als erster die Anschubfinanzierung durch die Finck-Gruppe genau bestimmen. Nicht zuletzt seine profunden Recherchen zu Björn Höcke (alias Landolf Ladig) führten zur Überwachung der AfD durch den Verfassungsschutz. Aktuell recherchiert Kemper zu „Libertarismus“, totalitär-kapitalistischen Privatstadtprojekten und schreibt an einem Buch zur Vorherrschaft des Adels im Antifeminismus („Die Aristokratie des Antifeminismus“). Alle Beiträge

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