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Kein grüner Segen für die schwarz-gelbe Atompolitik!

Mit dem schwarz-gelben Atomausstieg wird der Ausstieg bis 2022 vertagt – und trotzdem will die Grünen-Spitze Merkels Atomplänen zustimmen. Mit einem offenen Brief fordern zahlreiche Umweltverbände und Standortinitiativen die Grünen auf, Merkels Atomausstieg im Schneckentempo nicht mitzutragen.

Am Samstag, den 25. Juni, wollen die Grünen bei einem Sonderparteitag entscheiden. Gemeinsam mit anderen Anti-Atom-Initiativen und -Verbänden stellen wir vor den Türen des Parteitags zwei große Tore auf: Das eine, mit Atommüllfässern und Radioaktivitätszeichen geschmückt, steht für Merkels Atomausstieg, das zweite ist mit Anti-Atom-Sonnen dekoriert. Für welches Tor entscheiden sich die Delegierten?

Außerdem wollen wir den offenen Brief an die eintreffenden Delegierten verteilen. Können Sie uns dabei unterstützen? Dann kommen Sie am Samstag, den 25. Juni, um 10.00 Uhr, zum Messegelände Berlin, Eingang Nord, Masurenallee (Stadtplan). Wir freuen uns, wenn Sie vorbei kommen!

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Offener Brief an die Delegierten der außerordentlichen Bundesdelegiertenversammlung von Bündnis 90/Die Grünen am 25. Juni 2011 in Berlin

21. Juni 2011

Kein grüner Segen für diese Atompolitik!

Liebe Delegierte,

die weiter andauernde Katastrophe von Fukushima hat in Deutschland und weit darüber hinaus zu einer starken Anti-Atom-Bewegung geführt. Die schwarz-gelbe Bundesregierung wurde dadurch gezwungen, die im letzten Herbst beschlossene Laufzeitverlängerung zurückzunehmen und acht Reaktoren endgültig abzuschalten. Ein großer Erfolg, der ohne den unermüdlichen und breit getragenen Protest nicht möglich geworden wäre.

Doch die zweite Hälfte des „Ausstiegs“ wird im Wesentlichen auf die Jahre 2021/2022 vertagt. Wie schon nach dem rot-grünen Ausstiegsbeschluss sollen erneut zehn Jahre vergehen, die vor allem den Weiterbetrieb der Atomreaktoren sichern. So würde selbst das AKW Gundremmingen C, das fast baugleich mit Fukushima ist, bis 2021 weiterlaufen. Wieder ist der „Ausstieg“ nicht unumkehrbar. Die Sicherheitsauflagen für die Betreiber sind sogar noch schwächer als zu Zeiten des rot-grünen „Atomkonsenses“. Zudem ist die angekündigte, bundesweite Endlagersuche völlig unverbindlich. Fakten werden weiterhin lediglich in Gorleben geschaffen, indem der Ausbau des Salzstocks zum Endlager fortgesetzt wird.

Wir sind enttäuscht, dass der Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen dieser schwarz-gelben Mogelpackung im Bundestag und Bundesrat zustimmen und ihr damit einen grünen Segen verleihen will. Im März diesen Jahres, wenige Tage nach Fukushima, beschloss der Kleine Parteitag der Grünen mit breiter Mehrheit die Forderung, den Atomausstieg massiv gegenüber dem rot-grünen „Atomkonsens“ zu beschleunigen und alle Reaktoren stufenweise bis 2017 abzuschalten. Jetzt droht dieser Beschluss bereits wieder Makulatur zu werden. So entsteht nicht Glaubwürdigkeit bei Wählerinnen und Wählern – sondern der Eindruck, aus Angst vor Kampagnen der politischen Konkurrenz grüne Kernpositionen zu räumen.

Mit einer Zustimmung zum vorliegenden Atombeschluss der Regierung würden Bündnis 90/Die Grünen sich an einen Ausstiegsplan fesseln, der ihnen jeden relevanten atompolitischen Gestaltungsspielraum im Falle einer Regierungsbeteiligung 2013 raubt. Damit wären sie gezwungen eine Politik zu verteidigen, die in der nächsten Legislaturperiode lediglich die Abschaltung eines Reaktors, des Kraftwerks Grafenrheinfeld, vorsieht. Konsequentes Handeln gegenüber den Atomkonzernen – etwa durch höhere Sicherheitsauflagen und Haftungsansprüche – verlöre nach vorheriger Zustimmung zu einem Ausstieg im Schneckentempo die Plausibilität. Wenn die Grünen dem schwarz-gelben Beschluss zustimmen, dann ist atompolitisch die Kiste zu.

Die Grünen müssen in der Offensive bleiben und dürfen das Heft des Handelns nicht aus der Hand geben! Sie müssen mit der klaren Forderung nach einem Ausstieg innerhalb einer Legislaturperiode in den Bundestagswahlkampf 2013 ziehen – und gegebenenfalls mit dieser Bedingung in Koalitionsverhandlungen über eine grüne Regierungsbeteiligung treten! Dazu gehört auch ein klares Nein zu einem Endlager in Gorleben. Es braucht ein Endlagersuchgesetz das endlich ein vergleichendes Verfahren mit Bürgerbeteiligung und –rechten ermöglicht.

Die Grünen müssen nicht über das Stöckchen springen, das die Regierung hinhält! Sie müssen nicht einen Konsens mit der Regierung eingehen, nur weil diese damit das Thema Atomkraft von der politischen Tagesordnung abräumen will. Sie müssen nicht ihren politischen Spielraum einengen, nur weil die SPD dem Regierungsbeschluss vielleicht zustimmt. Sie müssen nicht einem Gesetz zustimmen, nur weil es auch begrüßenswerte Elemente wie die Abschaltung von acht Reaktoren enthält. Diese werden auch stillgelegt, wenn sie aus den genannten Gründen mit „Nein“ stimmen.

Im Jahr 2000 haben Bündnis 90/Die Grünen mit einem völlig unzureichenden Ausstiegsbeschluss einen tiefen Graben zu den Umweltverbänden und der Anti-Atom-Bewegung aufgerissen. In den letzten Jahren haben wir diesen an vielen Stellen überbrückt, sind gemeinsam für das Ende der Risikotechnologie Atomkraft auf die Straße gegangen. Beginnen Sie jetzt nicht, diese Brücken wieder einzureißen! Streiten Sie mit uns für einen Ausstieg, der diesen Namen auch verdient!

Mit besten Grüßen

Peter Dickel, Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad
Ingo Hoppe, AK.W.ENDE (AKW Biblis)
Jochen Stay, .ausgestrahlt
Wolfram Scheffbuch, Bund der Bürgerinitiativen mittlerer Neckar (AKW
Neckarwestheim)
Hubert Weiger, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)
Bündnis Anti-Atom-Ostwestfalen-Lippe (AKW Grohnde)
Karsten Hinrichsen, Bürgerinitiative Gesundheit und Klimaschutz Unterelbe (AKW Brokdorf)
Wolfgang Ehmke, Kerstin Rudek, Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg
Christoph Bautz, Campact
Raimund Kamm, FORUM Gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik (AKW Gundremmingen)
Ewald Feige, Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW)
Uwe Hiksch, NaturFreunde Deutschlands
Dirk Seifert, Robin Wood
Widerwelle (AKW Philippsburg)

Veröffentlicht von

Susanne Jacoby, Jahrgang 1981, hat Umweltwissenschaften mit den Schwerpunkten Umweltpolitik und Umweltkommunikation in Lüneburg studiert. Sie war jahrelang für verschiedene Umweltorganisationen aktiv und hat u.a. den Kongress McPlanet.com 2009 mit organisiert. Bei Campact kümmert sie sich als Campaignerin um die Steuerflucht-Kampagne und Themen rings um die Energiewende.

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  1. Pingback: Donnerstag News » Widerstand Berlin

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  3. Ich als Delegierter teile Eure Bedenken. Natürlich wollen wir alle einen Ausstieg 2017 oder früher. Aber genau das formuliert auch der Leitantrag des Bundesvorstandes http://www.gruene-partei.de/cms/default/dok/382/382734.energiewende_in_deutschland_gruen_geht_v.htm .
    Er wahrt dabei sehr gut die Balance zwischen Festlegung und politischem Spielraum.
    Deshalb macht es für mich keinen Sinn, ihn abzulehnen. Wir wollen eben nicht so reagieren, wie von Schwarz-Gelb erwartet. Wir betreiben keine Totalverweigerung, sondern argumentieren und wägen ab.
    Wenn im Bundestag die Abstimmung 2040 oder 2022 ansteht, dann kann ich den grünen Abgeordneten nur 2022 empfehlen. Und 8 Schrottmeiler abzuschalten, reduziert erst einmal das Risiko auf unter die Hälfte.

    Zu kürzeren Ausstiegszenarien und den Bedingungen für die Atomkonzerne würde ich gerne 2013 selbst Gesetze machen, wenn die Mehrheit grün/rot oder rot/grün ist!
    Heute ist es mir wichtig, ein Konzept zu entwickeln, wie die alternative Energieversorgung gewährleistet werden kann (dazu hat Merkel nur Murks abgeliefert) und wie es mit der Europapolitik weitergeht.

    Lasst nicht locker, aber schlagt da zu, wo die Atomkraftbefürworter sitzen.

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  5. In meinen Augen:

    Ein FALSCHES Spiel von Bündnis 90/Die Grünen!
    Absolut UNGLAUBWÜRDIG … Dieses Hin und Her macht KEIN
    Wähler auf Dauer mit! Eines Tages erfolgt die Quittung seitens
    dessen — für die grüne ZWIESPÄLTIGE und INKONSEQUENTE
    Politik.
    MEINE Stimme haben sie ohnehin nicht mehr.
    Und – AUS DIE MAUS! – – –

  6. Ich möchte mich hiermit ebenfalls dem Inhalt des offenen Briefes anschließen – ich wäre als absoluter Atomkraftgegner außerordentlich enttäuscht, sollten die Grünen dem von der Regierungskoalition vorgelegten Ausstiegs’konsens‘ zustimmen.

    Allerdings vermute ich, dass ich, selbst wenn die Grünen diesen Ausstiegsbeschluss mittragen werden, bei der nächsten Bundestagswahl dennoch keine andere Partei finden werde, von der ich annehmen kann, dass sie die Interessen sowohl der Bevölkerung als auch der Umwelt konsequenter vertreten wird …

    Wenn also die Grünen dadurch abgestraft werden sollten, dass sie bei der nächsten Wahl nicht mal mehr die 5 % Marke erreichen, hat man weder für den Atom-Ausstieg noch für andere Themenfelder (im Umweltbereich, aber auch noch einigen anderen) etwas erreicht. Damit macht man nur die etablierten ‚Volksparteien‘ fett, und was dann beispielsweise passieren kann, haben wir ja im vergangenen Herbst unter Frau Merkel mit dem Beschluss zur Laufzeitverlängerung schon erleben dürfen …

    Man solle nicht denken, dass der Ausstieg bis 2022 demnächst schon in trockenen Tüchern ist (Klauseln für Kaltreserven, Manipulationen des Stromangebots seitens der großen Konzerne um Laufzeitverlängerungen zu begründen – siehe aktuell EnBW, die ihre konventionelle Stromerzeugung offenbar ohne erkennbaren Grund drosselten, so dass der Konzernchef kürzlich auf der Aktionärsversammlung einen beunruhigenden Atomstrom-Import aus dem Ausland vorweisen konnte).

    Außerdem wären da ja noch Themen wie transparente Endlagersuche, Beendigung der Erkundung von Gorleben, wie wird die Asse saniert/leegeräumt und wer darf das bezahlen, ungeklärte Fragen zum Netzaus- und umbau, Förderpolitik für erneuerbare Energien sowie energetische Sanierungen etc…

  7. Machen wir am 25. Juni den Grünen mut, mehr zu wagen !!!

  8. Dem kann ich nichts hinzufügen – nur, ich/WIR Atomgegner haben mit den Grünen nichts mehr gemeinsam. Sollten die den deal mit der Atommaffia eingehen, werden die unweigerlich ihre Quittung erhalten und hoffe alle Atomgegner stimmen mir da zu – „Grüne unter 5%“