Dritte Welle

Die dritte Welle der Corona-Pandemie gerät jetzt auch bei uns außer Kontrolle. Die Infektionszahlen wachsen seit Wochen exponentiell - Intensivbetten werden knapp. Etliche Gesundheitsämter kommen mit der Fallverfolgung nicht mehr nach. Die Politik muss jetzt handeln.

„Dieser Fehler ist einzig und allein mein Fehler“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel nach der Rücknahme der Osterruhe – es war ein mutiger Satz, wie wir ihn aus der Politik zu selten hören. Doch es folgte nichts. Die dritte Welle der Corona-Pandemie bricht über uns herein. Die Bundesländer zanken sich, niemand übernimmt Verantwortung.

Kein Intensivbett frei

Portugal, Irland und Großbritannien haben bereits schreckliche Wochen und Monate hinter sich, mit einer massiven Überlastung des Gesundheitssystems. Krankenwagen stauten sich vor Kliniken, weil niemand mehr reingelassen wurde: wegen Überfüllung geschlossen. Es fehlte an Pflegekräften. Kranke blieben allein – und starben. Mit der grassierenden, dominanten Virus-Mutante B.1.1.7 laufen wir auf eine ähnliche Situation zu.

36 Prozent wollen härtere Maßnahmen

Noch lässt sich das abwenden – aber nur, wenn Bund und Länder sich zusammenreißen. Wenn Regierung und Opposition endlich gemeinsam handeln. Doch gerade passiert das Gegenteil: Einzelne Bundesländer wollen sogar weitere Lockerungen, andere setzen die beschlossenen Regeln nicht vollständig um. Zu groß ist die Angst vor der Reaktion von Corona-Leugner*innen und der Einfluss von Wirtschaftslobbys. Zu leise sind die Menschen, die Verschärfungen wollen: Bereits 36 Prozent der Bevölkerung sind der Meinung, dass die Maßnahmen härter ausfallen müssten – Tendenz stark steigend.

Ein harter Lockdown: Das ist das Einzige, was jetzt noch hilft. So wie er in Portugal, Irland und Großbritannien geholfen hat. Mit einer verbindlichen Homeoffice-Regelung und einer Testpflicht in den Betrieben müssen auch Arbeitgeber*innen endlich Verantwortung übernehmen. Und zwar in ganz Deutschland. Alle, die besonders von den Einschränkungen betroffen sind, brauchen unbürokratische Hilfe, etwa Solo-Selbstständige, Künstler*innen und Geringverdiener*innen. 

Dritte Welle brechen: Harter Lockdown jetzt

Die halbherzige Politik der letzten Monate wirkt nicht. Wir leben in einer Dauerschleife lascher Lockdowns. Ja: Ein harter Einschnitt wird schwer. Doch danach könnten wir – auch mit Hilfe einer stark wachsenden Anzahl von Impfungen – einen Sommer der Öffnungen und des allgemeinen Aufatmens erleben. Unterzeichne jetzt unseren Eil-Appell!

Wir alle sind müde und ausgelaugt. Aber es wäre absurd, dem Virus gerade jetzt freien Lauf zu lassen. Denn nach Ostern wird deutlich mehr geimpft. Alleine im April erhält Deutschland mehr Impfdosen als in den letzten drei Monaten. Voraussichtlich bis Ende Juli werden alle Erwachsenen die Möglichkeit zur ersten Impfung haben. Doch bis dahin müssen wir die Menschen schützen – alles andere hätte katastrophale Folgen. Modellrechnungen zeigen, dass die Inzidenz bis Ende Mai auf 2.000 ansteigen könnte. Das wären bei 83 Millionen Menschen 1,6 Millionen Infektionen pro Woche.

Ein großer Teil der Risikogruppe unter 80 Jahren ist noch nicht geimpft. Deshalb würden Todeszahlen und schwere Verläufe dramatisch steigen. Auch weil die Mutante B.1.1.7 zu rund 60 Prozent mehr Krankenhauseinweisungen und Todesfällen führt als das ursprüngliche Virus. Besonders brenzlig werde es für die ungeimpften Menschen über 50 Jahre, warnt der Chefvirologe der Berliner Charité Prof. Dr. Christian Drosten. Zudem wächst mit der Zahl der Ansteckungen die Gefahr, dass weitere Mutationen entstehen. 

Ausgangssperren und Homeoffice-Pflicht

Ohne Ausgangssperren lässt sich die Mutation B.1.1.7 kaum bezwingen. Nächtliche Beschränkungen sind leichter zu kontrollieren als die derzeit geltenden Regeln für private Haushalte. Denn es gibt weiterhin Partys. Die sind zwar verboten, aber die Feiernden müssen im eigenen Haus kaum Angst haben, entdeckt zu werden. Völlig legal sitzen weiterhin etliche Arbeitnehmer*innen gemeinsam im Großraumbüro. Dabei ist es unverständlich, dass Betriebe nicht entweder auf Homeoffice umstellen – oder immerhin schaffen, was man von Grundschulen fordert: regelmäßige Schnelltests.   

Dritte Welle – Lockdown rettet Menschenleben

Die Frage nach einem klaren Lockdown ist nicht ob, sondern wann. Wenn er sofort kommt, kann er Menschenleben retten, das ständige Hin und Her beenden und uns allen mehr Freiheiten zurückgeben. Wir brauchen Politiker*innen, die endlich mutig und vorausschauend handeln. Unterzeichne jetzt den Appell, um die dritte Welle zu brechen!

PS: Der CDU-Vorsitzende und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet ist dabei, den zentralen Konsens der Pandemie-Bekämpfung aufzukündigen: Statt das Coronavirus effektiv zu bekämpfen, nimmt er die Durchseuchung der gesamten nicht-geimpften Bevölkerung in Kauf. In Brasilien hat dieser Kurs Zehntausende Menschen das Leben gekostet. Wir müssen verhindern, dass es auch in Deutschland dazu kommt.

9 Kommentare

  • Ich bin längst geimpft, damit ich in meiner Parfumerie wieder arbeiten kann. Wenn es eine dritte Welle geben wird, müsste ich vermutlich mein Geschäft aufgeben. Daher kann ich nur sagen impfen, impfen, impfen!

  • von RudyRakete

    Ehrlich? Es werden Intensivbetten abgebaut, damit man dann sagen kann, das Gesundheitssystem ist überlastet und die Politik muss deshalb Ausgangssperren einführen?
    Ist das ein Trick? Wird hier absichtlich der Tod von Menschen in Kauf genommen, um Politik zu machen? Ist das so legal? Ist Merkel dafür verantwortlich?

  • von Ralf Geiger

    Mir wäre es auch lieber Sie würden sich stattdessen dem geplanten Infektionsschutzgesetz annehmen, das für mich ein Stück weit demokratische Prozesse und unsere Rechtsstaatlichkeit aushebelt. Wo bleiben da unsere Grundrechte? Ich bin ganz froh dass wir bisher die Länderzuständig hatten weil so manche unsinnige Maßnahme des Bundes etwas relativiert wurde.

    Selbst der frühere Vorsitzende des Deutschen Richterbunds, Jens Gnisa, sagt „..Der Bund schießt deutlich über alle Verhältnismäßigkeitsgrenzen hinaus“ „Es gehe bei den Vorschlägen nun nicht mehr um einen Brücken-Lockdown von zwei oder drei Wochen, sondern um einen nicht mehr einzufangenden Dauerlockdown“. Mit nächtlichen Ausgangssperren obwohl von Gerichten deren Wirksamkeit angezweifelt worden sei. analog für die die strengen Kontaktbeschränkungen für Familien.

  • von Karl Bierl

    Die Darstellung von Campact zur „Dritten Welle“ ist viel zu einseitig und Schwarz-Weiß-malerisch. Wer die Situation differenziert betrachtet, sieht auch: Von einem exponentiellen Wachstum der Infektionen kann derzeit nicht die Rede sein, die Intensivstationen sind nicht überlastet, der R-Wert ist seit Tagen rückgängig, die Sterblichkeit ist sogar drastisch zurückgegangen, etc.

    Ein harter Lockdown als flächendeckende Maßnahme auch da, wo gar keine Infektionen stattfinden, ist unsinnig, wichtiger sind gezielte Maßnahmen.
    Der weltweit renommierte Mediziner und Epidemiologe John Ioannidis warnt: Lockdowns? „Macht es nie wieder!“.
    Das ist auch meine Meinung.

  • von Petra Raue

    Ich hab gerade am Wochenende von Fällen gehört, wo öffentliche Verwaltungen (in einer Abteilung einer Kommunen, in einer Nationalparkbverwaltung) Mitarbeiter*innen das home office verwehrt wird, sie zu zweit oder mehr in einem Büro sitzen, weder mit Masken ausgestattet werden noch Schnelltests genutzt werden. Das finde ich unverantwortlich und unverständlich. Eine Pflicht zum Home office für alle, die am Schreibtisch arbeiten, sollte für alle öffentlichen und privaten Arbeitgeber*innen gelten. Ohne Ausnahme. Und für alle, die nicht im Home office arbeiten können, sollte die Bereitstellung von Masken und einem Schnelltest pro Tag für Arbeitgeber*innen verpflichtend sein. Es macht mich ziemlich fassungslos, das Teile des öffentlichen Dienstes nicht in der Lage sind, der Corona-Epidemie angemessene Arbeitsbedingungen sicher zu stellen. Bei meinem Arbeitgeber (auch öffentlicher Dienst) gilt seit einem Jahr der Vorrang von Home office und es funktioniert sehr gut.

  • von Andreas Schulz

    Moin, bitte seid so gut und berichtet in diesem Zusammenhang auch über den Abbau der Intensivbetten (Quelle DIVI). Allein dieser Abbau von 6000 Betten seit dem vergangenen Herbst führte zur Halbierung der freien Intensivbett-Kapazitäten – die Belegung ist seit Beginn der flächendeckenden Erfassung (Mai 2020) weitestgehend stabil. Der Abbau der Intensivbetten hält nach der DIVI-Erhebung auch derzeit weiter an. Wenn wir diese Entwicklung so weiter fortschreiben, also prognostizieren, dass die Belegung weiterhin stabil bei etwa 20.000 Betten bleibt und der Bettenabbau in dem aktuellen Ausmaß weitergeht, ist bundesweit die Kapazitätsgrenze spätestens in diesem Herbst erreicht. Regional wird es sicherlich schon zuvor massiven Engpässen kommen. Selbst wenn Corona plötzlich unerwarteter Weise verschwinden würde, hätten unter diesen Umständen in diesem Jahr bundesweit Triage-Maßnahmen zu erdulden.
    Nochmal: Während der Corona-Pandemie werden massiv Intensiv-Betten abgebaut. Please act!

  • von Hans-Joachim Hauschild

    Das hü und hot in dar Pantemie geht mir
    langsam auf denn Geist,wenn sich die
    Ministerpräsidenten Ministerpräsitdentinnen
    wider mit der Bundeskanzlerin treffen wird
    etwas beschlossen wo sich die Länder wider
    nicht dran halten das sieht man bei uns in
    Niedersachen da will Herr Weil sogar mit
    ausgewählten Städten ein versuch starten
    in den gegen vorlage eines Negatiftestes
    in der Stadt eingekauft werden kann oder
    man kann auch sich in ein Kaffe setzen,
    sowie eine Kultur und Sportveranstaltu
    besuchen von den Cornaapps halte ich
    überhaupt nichts.

  • von Michael Lang

    Jeder, der eine differenzierte Meinung zu den Maßnahmen gegen die Pandemie hat, wird von Ihnen als Coronaleugner*in abgestempelt. Dem ist nicht so! Das Hochrechnen der Infektionszahlen auf 1.000 ist unredlich und Panikmache, denn bei einem stabilen R-Wert von 1,25, wie er sich seit 3 Wochen darstellt, dauert es um die 4 Monate bis 1.000 erreicht wären, auch das ist Exponentiell, aber eben mit 1,25^n. Im Übrigen hat sich die 7-Tages-Rate der Todeszahlen von Anfang Januar bis jetzt um 80 (!) % verringert und das ist entscheidend. Das ausschließliche Schauen auf die Infektionszahlen ist eindimensional und lenkt nur mit der Forderung nach härterem Lockdown vom Test- und Impfversagen der verantwortlichen Politiker und Behörden ab. Von Campact erwarte ich mir schon eine differenziertere Herangehensweise an das Problem vor. Ich halte mich an die Vorschriften, sehe aber die Statistiken mit Misstrauen, denn
    diese zeigen nicht, was man kann, sondern was man will (Zitat eines Statistikers).

  • von Birger von Dewitz

    Dazu hat der Bremer Oberbürgermeister Bovenschulte gestern im Interview mit dem DLF (29.3. 7:30 Uhr) das Richtige gesagt. Mir ist ausgesprochen unbehaglich zumute, wenn jetzt auf diese Weise der Föderalismus ausgehebelt wird durch eine schulmeisternde Bundeskanzlerin. Tut mir leid, da bin ich anderer Meinung.

    Grüße

    Birger von Dewitz

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Veröffentlicht von Felix Kolb

Felix Kolb ist Politikwissenschaftler. Er promovierte zwischen 2002 und 2005 an der FU Berlin über die politischen Auswirkungen sozialer Bewegungen. Seine Dissertation erschien im Campus-Verlag. Nach dem Studium war er Pressesprecher von Attac. Zusammen mit Christoph Bautz stieß er die Bewegungsstiftung an und initiierte mit ihm und Günter Metzges Campact. Er ist seit April 2008 Geschäftsführender Vorstand.

Veröffentlicht von Christoph Bautz

Christoph Bautz ist Diplom-Biologe und Politikwissenschaftler. Er gründete 2002 gemeinsam mit Felix Kolb die Bewegungsstiftung, die Kampagnen und Projekte sozialer Bewegungen fördert. 2004 initiierte er mit Günter Metzges und Felix Kolb Campact. Seitdem ist er Geschäftsführender Vorstand. Zudem ist er Mitglied des Aufsichtsrats von WeMove, der europaweiten Schwesterorganisation von Campact, sowie der Bürgerbewegung Finanzwende.