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Der Preis des Wassers: Nicht nur eine Klima-Frage

Weltweit wird das Wasser knapper: Was in Indien oder Teilen Afrikas schon lange Realität ist, kann auch uns passieren. Was zu tun ist und warum nicht nur die Klimakrise eine Rolle spielt.

Polizei patrouilliert im Niger-Delta in Nigeria in Port Harcourt, in einem Bereich, in dem die Ölverschmutzung besonders groß ist. Riesige Landflächen mit Mangroven sind durch Öl verseucht. Shell, Chevron, ExxonMobil und Total fördern hier Öl.
Polizei patrouilliert im Niger-Delta in Nigeria in Port Harcourt, in einem Bereich, in dem die Ölverschmutzung besonders groß ist. Riesige Landflächen mit Mangroven sind durch Öl verseucht. Shell, Chevron, ExxonMobil und Total fördern hier Öl. Foto: IMAGO / Ute Grabowsky

Viele meiner liebsten Kindheitserinnerungen haben mit Wasser zu tun. Mit meiner Schwester durch die kalte Fontäne des Wassersprengers im Garten springen etwa oder Baden im See unseres Dorfes. Zum Weltwassertag hat Campact Beispiele vorgestellt, die zeigen: Dass Kinder weiterhin solche Momente erleben, ist nicht selbstverständlich – selbst in Deutschland, das im internationalen Vergleich reich an Wasser ist. Ein erweiterter Blick auf die Welt zeigt: Um das Recht auf Wasser zu schützen, müssen wir

  • erstens gegen Diskriminierung kämpfen,
  • zweitens Unternehmen in ihrem Wasserverbrauch regulieren und
  • drittens – klar – der Klimakrise begegnen.

Diskriminierung und Gewalt

Lena Rohrbach arbeitet bei Amnesty International Deutschland. Im Campact-Blog schreibt sie zum Thema Menschenrechte. Lies hier alle ihre Beiträge:

Das Menschenrecht auf Wasser leitet sich aus dem Recht auf einen angemessenen Lebensstandard in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ab. Dieser grundlegende Text der internationalen Menschenrechtsarchitektur stammt aus dem Jahr 1948. Trotzdem ist es erst 13 Jahre her, dass die Vereinten Nationen in einer Resolution ausdrücklich ein Recht auf sauberes Trinkwasser anerkannten. Noch ein anderes Recht spielt beim Zugang zu Wasser eine wichtige Rolle: Das Recht, nicht diskriminiert zu werden. Denn wer sauberes Trinkwasser hat, das hängt oft von der Hautfarbe und dem Geschlecht ab.

An ein eindrückliches Beispiel erinnerst Du Dich wahrscheinlich: Die Menschen in Flint, USA, tranken mindestens anderthalb Jahre mit Blei verseuchtes Trinkwasser. Um Geld zu sparen, wurde das Wasser dem Fluss der Stadt entnommen – und den hatte die Autoindustrie mit Blei verschmutzt. Noch bevor das Problem vollständig behoben war, hörte die Verwaltung auf, abgefülltes, sauberes Wasser zur Verfügung zu stellen. Eine Untersuchungskommission kam zu dem Ergebnis, dass „historischer, struktureller und systemischer Rassismus, kombiniert mit implizierten Vorurteilen“ dafür mitverantwortlich gewesen sei: Die Bevölkerung von Flint ist mehrheitlich Schwarz.

Ein anderes Beispiel: In der schwersten Wasserkrise Indiens leiden 600 Millionen Inder*innen unter schwerem Wassermangel, 200.000 sterben jährlich daran. Lokale Aktivist*innen werfen Coca Cola, Pepsi und Nestlé vor, die Wasserkrise vor Ort zu verstärken. Mit der Bewegung „Unser Wasser“, die in Lüneburg den Verkauf eines Brunnes an Coca Cola stoppte, hätten sie vermutlich einiges zu besprechen. Denn auch in Indien sind diskriminierte Bevölkerungsgruppen wie die Dalits and Adivasis von Wasserknappheit besonders betroffen.

Weltweit hat das Recht auf Wasser auch mit dem Geschlecht zu tun. Denn meist ist es Aufgabe von Frauen und Mädchen, Wasser aus weit entfernten Brunnen oder von Händlern zu holen. Eine Aufgabe, die nicht nur körperlich anstrengend ist, sondern oft auch gefährlich und mit sexualisierter Gewalt verbunden ist.

Kampf ums Wasser hört nicht auf

Mit Geschichten über die Rolle von Unternehmen bei der Ausbeutung oder Verschmutzung lokaler Wasserressourcen könnte man wohl den Campact-Blog die kommenden zehn Jahre ganz allein bespielen. Daher hier nur zwei Beispiele aus meiner Arbeit bei Amnesty International: Seit 1958 fördert Shell im Nigerdelta Öl – verbunden mit extremen Umweltschäden und schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen. Die beeindruckende Esther Kiobel bemüht sich seit über 25 Jahren, unterstützt von Amnesty, Shell für seine Rolle bei der Hinrichtung ihres Mannes vor Gericht zu bringen: Als Antwort auf seine Proteste gegen die Ölverschmutzung des Deltas wurde er von der nigerianischen Militärregierung gehängt. Über ihren langen Kampf für Gerechtigkeit kannst Du hier mehr lesen.

Um die Energiewende zu schaffen, braucht es weniger Autos – und wo diese doch benötigt werden, solche mit Elektroantrieb. Doch Batterien für E-Autos stecken (wie auch die Batterie des Computers, auf dem ich diesem Text schreibe) sind voller Rohstoffe, deren Lieferketten mit Menschenrechtsverletzungen verknüpft sind. Neben dem bekannten Kobalt auch das weniger bekannte Lithium, dessen Förderung gigantische Mengen Wasser benötigt. Um eine Tonne Lithium zu gewinnen, verdunsten zwei Millionen Liter Grundwasser! Besonders dramatisch ist das deshalb, weil 70% der weltweiten Lithium-Reserven in den von Hoch- und Salzwüsten geprägte Andenregion liegen, einen der trockensten Gebiete der Erde. Betroffen sind auch hier wieder Indigene Bevölkerungsgruppen wie die Kolla und Atacama, die diese Regionen bewohnen und gegen die Zerstörung ihres Landes durch große Bergbauunternehmen protestieren.

Als ich den Appell von Campact gegen den Ausverkauf von Trinkwasser in Deutschland unterzeichnet habe, habe ich an all diese Menschen gedacht, die schon so lange und an so vielen Orten der Welt gegen die Ausbeutung und Verschmutzung ihres Wassers kämpfen. Im Vergleich ist unsere Bewegung in Deutschland noch jung – und wir können sehr viel von ihren Erfahrungen lernen.

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