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Keine Rassismus-Autorität

Oder soll man es lassen? Gerade im Umgang mit Flüchtlingen wird mit zweierlei Maß gemessen – auch von Menschen, die sich selbst in antirassistischen Strukturen engagieren.

Ein Stapel Zeitungen.
Ein Stapel Zeitungen, Foto: Unsplash

Im März 2022 veröffentlichte ich einen Post auf meinen Social-Media-Kanälen über die Berichterstattung zu Russlands Krieg gegen die Ukraine. Darin kritisierte ich den doppelten Standard im Umgang mit flüchtenden Menschen, die als weiß, und jenen, die nicht als weiß gelten. Konkret ging es um die Wochenzeitung „Die Zeit“, die zum Ukrainekrieg einen Aufmacher mit der Überschrift „Wie können wir helfen“ brachte. Zu sehen waren darauf zwei blonde Menschen – eine Frau und ein Mann, die sich umarmen und sichtlich trauern, mit der blau-gelben Ukraine-Fahne um sich. Man sah ihre Gesichter und den Schmerz darauf. Man erkannte sie als Mensch, als Individuen. Es war herzzerreißend und inhaltlich absolut nicht problematisch.

„Oder sollen wir es lassen“?

Allerdings erinnerte mich dieser Aufmacher an eine andere Frage, die sich dieselbe Zeitung vor wenigen Jahren in Bezug auf die Seenotrettung prominent stellte: „Oder sollen wir es lassen?“ Zu sehen war darauf eine Masse aus nicht-weißen Männern, und mittendrin ein weißer Mann, der orangefarbene Rettungswesten verteilte.

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Das war ein rassistischer Doppelstandard: Auf der einen Seite als weiß geltende Betroffene, als trauernde Individuen und schützenswert darzustellen. Und auf der anderen Seite eine Gruppe nicht-weißer Männer, die zwar ebenso fliehen mussten, bei der jedoch keinerlei Emotionen bzw. Schmerzen erkennbar sind. Bei einer Gruppe wurde die humanitäre Rettungshilfe infrage gestellt, bei der anderen wurde nicht gefragt, ob geholfen werden sollte – das stand schon fest. Geklärt werden sollte bloß, wie geholfen werden soll. Zwischen zwei Aufmachern einer und derselben Zeitung lagen Welten, obwohl das Thema gleich war.

Rassismuskritik stört die Gemüter

Auf Twitter teilte ich Bilder dieser Schlagzeilen nebeneinander und kommentarlos – ich fand, dass sie schon für sich sprachen. Auf Facebook und Instagram fügte ich noch einen Kommentar hinzu und nannte diesen Doppelstandard beim Namen: „Dass (…) Solidarität nicht selbstverständlich ist, wissen wir zwar seit eh und je, allerdings tut’s trotzdem weh, diesen entmenschlichenden Rassismus so deutlich zu sehen, dass er so schamlos und furchtlos zur Schau gestellt werden kann.“ Meine Posts fanden Resonanz, allerdings passten sie, so wie immer, nicht allen. Dass Rassismuskritik die Gemüter stört, ist weder neu noch eine Überraschung. Allerdings war eine bestimmte Reaktion besonders irritierend. Sie kam nämlich von Menschen, die sich als Allys verstanden.

Ich erhielt an dem Abend einen Video-Anruf von einer Person, mit der ich zwar auf Facebook vernetzt bin, die ich aber nicht kenne. Ich nutze Facebook inzwischen nur beruflich, daher ist mein Profil öffentlich. Anrufe sind allerdings sehr unüblich, deshalb war ich sehr irritiert und bin nicht dran gegangen. Kurz später erhielt ich eine Mail, die den Grund des Anrufs klären sollte, denn die Person, die mich anrief, war im CC. Ich wurde in der Mail aufgefordert zu belegen, dass die Zeitung, deren Berichterstattung ich kritisierte, tatsächlich rassistisch sei, und wenn ich das nicht kann, eine Richtigstellung zu veröffentlichen.

Das interne Gespräch, dass sie zuvor ohne mich führten, konnte ich nachlesen, weil die Mail an mich gleich im Anschluss verschickt worden war. Es handelte sich um Menschen, die sich bei einem antirassistischen Netzwerk engagierten. Da sie aber gleichzeitig Zeit-Abos hatten, waren sie aufgewühlt, dass ich „ihre“ Zeitung als rassistisch „diffamierte“. Ich antwortete ihnen, dass sie mir keine weiteren Mails schreiben sollen und hörte nie wieder etwas von ihnen.

Alle Menschen können diskriminieren

Menschen, die sich in antirassistischen Strukturen engagieren, können ein gewisses Selbstverständnis entwickeln, dass sie aufgrund ihres Engagements nicht mehr rassistisch denken und handeln könnten. Diskriminieren können alle Menschen – auch jene, die aktivistisch unterwegs sind. Ein Selbstverständnis, nicht fähig zu sein, zu diskriminieren, ist gefährlich, weil die Person jegliche Kritik, die sie mit sich selbst in Verbindung bringt, kategorisch ablehnt, nicht mehr auf ihr Verhalten achtet und so noch mehr Schaden anrichten kann.

Keine Rassismus-Autorität

Rassismus wird häufig auf ein Interpretationsproblem reduziert, deshalb können weiße Menschen gleich mit der „Belege das doch“-Karte um die Ecke kommen. Doppelstandards sind allerdings immer diskriminierend. Vor allem, wenn sie fundamentale Menschenrechte infrage stellen und zur Debatte öffnen. Das steht als Beleg und muss nicht zusätzlich bewiesen werden.

Es dennoch zu fordern, soll Kritisierende unter Druck setzen und mundtot machen. Das ist nicht der Sinn der Sache. Und wenn das der Sinn der Sache ist, dann heißt „die Sache“ nicht Antirassismus, sondern Rassismus. Nur weil sich weiße Menschen in antirassistischen Strukturen engagieren, werden sie nicht zu Rassismus-Expert*innen. Nur weil sie persönlich gegen Rassismus sind, werden sie nicht zu einer Art Rassismus-Autorität. Nur weil sie etwas gegen Rassismus unternehmen, heißt nicht, dass sie selbst nie wieder rassistisch handeln könnten. Die goldene Regel ist auch hier: Ruhig bleiben und zuhören. Verstehen und nicht gleich defensiv werden. Sonst sind wir verdammt, immer wieder von vorne anzufangen.

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Autor*innen

Sibel Schick kam 1985 in Antalya, der Türkei, auf die Welt und lebt seit 2009 in Deutschland. Sie ist Kolumnistin, Autorin und Journalistin. Schick gibt den monatlichen Newsletter "Saure Zeiten" heraus, in dem sie auch Autor*innen, deren Perspektiven in der traditionellen Medienlandschaft zu kurz kommen, einen Kolumnenplatz bietet. Ihr neues Buch „Weißen Feminismus canceln. Warum unser Feminismus feministischer werden muss“ erscheint am 27. September 2023 bei S. Fischer. Ihr Leseheft "Deutschland schaff’ ich ab. Ein Kartoffelgericht" erschien 2019 bei Sukultur und ihr Buch "Hallo, hört mich jemand?" veröffentlichte sie 2020 bei Edition Assemblage. Im Campact-Blog beschäftigte sie sich ein Jahr lang mit dem Thema Rassismus und Allyship, seit August 2023 schreibt sie eine Kolumne, die intersektional feministisch ist. Alle Beiträge

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