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Landwirtschaft in Deutschland: 1,2 Prozent und eine Menge Verantwortung

Anfang des Jahres haben die Bäuer:innen in Deutschland ordentlich auf die Kacke gehauen. Sie haben ihren Frust auf die Straßen getragen, die Muskeln der Trecker spielen lassen und die Schlagzeilen der Zeitungen mit ihren Forderungen dominiert. Das alles ist außerordentlich wichtig.

Landwirt*innen protestieren vor dem Brandenburger Tor. An einem blauen Traktor hängt vorne ein Schild: Jungbauer auf der Suche nach Zukunft.
IMAGO / Funke Foto Services

Mich haben die Proteste der Bäuer:innen gefreut. Denn hier hat sich ein Berufsstand erhoben, der so viel Grundlegendes für die Gesellschaft wuppen soll: Ernährung, Artenvielfalt und Ökosystemdienstleistungen von Landschaft und Böden sichern, sich an die Veränderungen der Klimakrise anpassen und selbst einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Das Ganze für sehr geringen Lohn, mit viel Bürokratie, den unvorhersehbaren Witterungsbedingungen der Natur ausgesetzt, mit einem Arbeitstag zwischen 10 und 16 Stunden in der Saison und wenig Aussicht auf bessere Bedingungen. Dafür mit dem Druck, den Betrieb in den kommenden Jahren stark zu transformieren. In Erwartung substanzieller politischer Weichenstellungen aus Berlin, die 2021 verbändeübergreifend in der Zukunftskommission Landwirtschaft beschlossen wurden und bislang vergeblich auf Umsetzung warten. Was kam, waren Kürzungen der Subventionen.

Anne Neuber ist Kulturwissenschaftlerin mit landwirtschaftlicher Ausbildung. Sie engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) für eine zukunftsfähige Agrarpolitik und ist Teil der Geschäftsführung bei der AbL Mitteldeutschland.

Im Campact-Blog schreibt sie ab sofort zum Thema nachhaltige Landwirtschaft.

Dabei muss man wissen, dass das Einkommen der meisten Haupterwerbsbetriebe zur Hälfte aus Subventionen besteht. Und der Stundenlohn trotzdem oft nahe am Mindestlohn vorbeischrappt. Für die Abhängigkeit von Subventionen können die Landwirt:innen nichts. Sie arbeiten in einem Bereich, der in und mit der Natur arbeitet. Wie sehr es manche Großbetriebe auch versuchen mögen, Landwirtschaft wird nie an die Planbarkeit einer industriellen Fertigung heranreichen. Das ist systemimmanent und ein Fakt, mit dem monetär und planerisch manchmal schwer umzugehen ist.

Landwirtschaft: So viel mehr als nur Produktion von Nahrung

Landwirt:innen erbringen neben der Nahrungsmittelproduktion viele Leistungen, die bisher kaum mit Geld bezahlt werden: Landschaftsgestaltung, Artenschutz, Sicherung von Tierwohl, Bereitstellung eines intakten Bodens, der Wasser speichert und Extremwetterereignisse abpuffert, der Schadstoffe filtert und in Form von Dauergrünland auch Kohlenstoff langfristig speichert. Das alles läuft nicht so optimal, wie es unser Planet und wir als Gesellschaft bräuchten. Deshalb reden wir so viel über eine Agrarwende, eine notwendige Transformation der Landwirtschaft. Aber bisher wurde dafür weder nennenswert Geld, noch Bürokratieerleichterung, das heißt Zeit, in Aussicht gestellt.

Bei all dem konkurriert die hiesige Landwirtschaft immer auch mit dem Weltmarkt. Das Nahrungsmittel von einem anderen Kontinent ist für die Konsument:in im Supermarkt nur 20 Zentimeter weit entfernt. Faire Erzeuger:innenpreise unter Berücksichtigung der oben genannten Leistungen der Betriebe sind eine langjährige Forderung der Landwirtschaft. Bisher haben Politik und Gesellschaft nur in mäßig durchdachten Subventionen eine Antwort darauf gefunden.

Protest ist wichtig – aber sollte konstruktiv sein

Ich habe mich also gefreut, dass dieser Berufsstand Anfang dieses Jahres die Wut auf die Straße getragen hat. Dass die Bäuer:innen zusammen gekommen sind von all über das Land verteilten Betrieben und gemerkt haben, wie viele sie sind. Mit allem einverstanden war ich nicht. Neben Frust über die aktuelle Agrarpolitik der Ampel hätte ich mir mehr konstruktive Vorschläge auf den Demonstrationen gewünscht. Ein reines Bashing der jetzigen Regierung lässt die ebenso unzureichende Agrarpolitik der vergangenen Regierungen unter den Tisch fallen.

Rassistische Äußerungen gegenüber Minister Özdemir taten weh und erzeugten in mir Scham für einige Berufskollegen. Galgen-Symbole sind bedrohliche und gewalttätige Symbole. Rechtsextreme waren mal mehr, mal weniger vertreten, haben definitiv versucht, den Frust der Menschen für sich zu nutzen. Das hat aber auch dazu geführt, dass wir innerhalb des Berufsstands so viel miteinander gesprochen haben wie lange nicht. Das wiederum hat dazu beigetragen, dass sich der Deutsche Bauernverband so klar wie nie zuvor gegenüber Rechtsextremist:innen und Reichsbürger:innen abgegrenzt hat. Auch in Bundesländern wie Sachsen, in denen den Umfragen zufolge mehr als ein Drittel der Menschen 2024 die AFD wählen will.

Demos von Landwirt:innen in der ganzen EU

Mittlerweile demonstrieren auch Bäuer:innen in anderen europäischen Ländern, so dass sich die EU-Kommission gezwungen sah, zu reagieren. Sie will unter anderem die seit 2023 aus Artenschutzgründen bestehende Pflicht zur Stilllegung von vier Prozent der betrieblichen Ackerflächen für 2024 aussetzen. Es ist toll, dass die Demonstrationen dazu führen, dass die enormen Leistungen unseres Berufsstand von Medien und Politik wahrgenommen werden und darauf reagiert wird. Allerdings haben wir verdient, dass Lösungen gefunden werden, die langfristig wirken, Planungssicherheit geben, den Transformationsdruck in Zeiten von Krisen nicht ignorieren und dabei die aktuelle Situation auf den Höfen ernst nehmen. Die Ankündigung aus Brüssel bewirkt im schlimmsten Fall das Gegenteil.

Die Menschen in der Landwirtschaft umfassen nur 1,2 Prozent der berufstätigen Menschen in Deutschland. Sie tragen eine enorme Verantwortung. Zum Glück haben sie Trecker, sonst würde ihnen niemand zuhören. Es ist an der Zeit, dass Politik und Gesellschaft die vielfältigen Stimmen des Berufsstands wirklich zur Kenntnis nehmen.

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Autor*innen

Anne Neuber setzt sich dafür ein, dass Menschen in der Landwirtschaft mit Freude und Zukunftsperspektive ihre Arbeit machen können. Derzeit leider eher Utopie als Realität. Sie hat Kulturwissenschaften studiert, eine landwirtschaftliche Ausbildung gemacht, schneidet hochstämmige Obstbäume und engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) für eine zukunftsfähige Agrarpolitik. Sie sieht sich als Brückenbauerin zwischen Stadt und Land, Konvis und Ökos, Linken und Konservativen, Ostdeutschland und Berlin. Denn Spaltung bewirkt, dass immer die gewinnen, die wirklich nicht gewinnen sollten. Alle Beiträge

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