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So erkennst Du rechte Ästhetik und Styles

Ganz normaler Lifestyle-Account oder rechtsextremes Sprachrohr? Die Grenzen sind hier oft nicht klar. Das liegt daran, dass Rechtsextreme bestimmte Ästhetiken und Stile nutzen – zum einen, um sich untereinander zu erkennen, aber auch, um anschlussfähig an andere Subkulturen zu sein. Woran Du rechte Ästhetik im Netz erkennst, zeigen wir hier.

Ein Mann hält ein Smartphone in der Hand, auf dem der Instagram-Account der Partei Alternative für Deutschland geöffnet ist. Im Hintergrund ein Laptop mit dem Tiktok-Kanal der AfD.
Blond, blaue Augen, weiß und feminin: Die perfekte "Trad-Wife" in den Augen rechter Influencer und Parteien. Foto: IMAGO / Hanno Bode

Harmloses Lifestyle-Produkt, eine persönliche Vorliebe – oder doch ein Ausdruck der eigenen rechten Gesinnung? Wie in vielen Subkulturen gibt es auch im rechtsextremen Milieu bestimmte Stile oder Ästhetiken. Sie erleichtern es Gleichgesinnten, sich zu erkennen und sofort zu wissen: Der oder die ist „jemand von uns“, oder „folgt unserer Weltanschauung“. In der rechtsextremen Szene sind das häufig völkische Symbole, traditionelle Rollenbilder oder ein insgesamt nationalistischer Lebensstil. Sie zeigen sich im Alltag sowohl online, als auch außerhalb des Internets. Bildungseinrichtungen wie die Bildungsstätte Anne Frank, die Amadeu Antonio Stiftung oder die Bundeszentrale für Poltische Bildung klären über rechte Subkulturen und rechte Ästhetik auf. Wir haben die wichtigsten und prominentesten Hinweise und Anzeiger zusammengetragen.

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Schön, dass Du hier bist! Campact ist eine Kampagnen-Organisation, mit der über 3 Millionen Menschen entschlossen für progressive Politik eintreten und unsere Demokratie verteidigen. Wenn wichtige politische Entscheidungen anstehen, starten wir Kampagnen – digital und auf der Straße. Wir schmieden breite Bündnisse und mobilisieren eine starke Bewegung für die gemeinsame Sache.

Spätestens seitdem der 90er-Hit „L’amour toujours“ durch das Video feiernder Menschen auf Sylt neue, unschöne Popularität erhielt, ist in der Gesellschaft angekommen: Neonazis und Rechtsextreme eignen sich Songs oder Teile der Popkultur an, um harmlos zu wirken oder ihre Gesinnung vor einer breiten Öffentlichkeit zu verbergen. Es geht darum, sich innerhalb der Szene wiederzuerkennen und zu zeigen, wo man steht. Außenstehende sind da nicht erwünscht. Diese Taktik der Aneignung gibt es schon lange und funktioniert auch in anderen Bereichen der Kultur.

Ähnlich wie bei den Emojis, die gerne als Codes in rechten Bubbles verwendet werden, gilt auch hier: Man muss die einzelnen Elemente als Gesamtbild betrachten. Denn im Gegensatz dazu, offensichtliche Hashtags wie #LieberRechtsAlsLinks zu verwenden, die sich in diesen Tagen im Netz verbreiten, sagt eine bestimmte Mode oder einen bestimmten Lifestyle zu mögen oder bestimmte Memes zu verwenden, noch nichts über eine mögliche rechte Gesinnung aus. Treten diese Stile, Ästhetiken und anderen Anzeichen jedoch häufiger oder gemeinsam auf, ist Vorsicht geboten. So erkennst Du sie auf TikTok, Instagram und Co. – aber auch draußen auf der Straße oder in Gesprächen.

Wie rechte Ästhetik aussieht

Es gibt bestimmte Stile, die immer wieder auftauchen – sei es in der Art und Weise, wie Videos geschnitten sind, mit welcher Musik sie unterlegt werden, welchen „Vibe“ („Stimmung“) sie vermitteln, oder in der direkten Symbolik.

  • Klassische rechte Symboliken: Stahlhelm, Adler, Runen, Marschmusik, bei extremeren Accounts auch verbotene Nazi-Kennzeichen.
  • Nordische Romantik: Wikinger-Ästhetik, Frauen als „Schildmaid“/Walküren, Natur, wilde Tiere (Wölfe, Bären), Survival-Kitsch und Bushcrafting, „traditionelle“ Siedlungen/Landwirtschaft.
  • Deutscher Provinzialismus: Die Accounts verwenden deutsche Dialekte und Regionalismen als Ausweis ihrer vermeintlichen Erd- und Volksverbundenheit, inszenieren sich als volkstümliche Rebell*innen, die sich gegen eine „amerikanisierte“ Universalkultur stark machen.
  • Antike / Klassik / Renaissance: Antike Statuen oder Renaissance-Porträts als Profibilder, bewusst elaborierte Sprache. Solche Anleihen an Hochleistungen menschlichen Geistes sollen die Überlegenheit der westlichen Kultur signalisieren, die jetzt bedroht oder gar schon zerstört sei und ihrer Wiedergeburt harre.
  • Manga / Anime-Ästhetik: Neben politisch völlig unverdächtigen Anhänger*innen japanischer Kultur und Literatur gibt es auch rechte Ableger, in denen diese als Emblem für die vermeintlich traditionelle Geschlechterrollen stehen. Dabei zeigt sich eine besondere Fixierung auf unterwürfige, infantilisierte Frauenfiguren. Hier gibt es auch starke Überschneidungen mit der „Incel“-Bewegung: Rechte Politik wird hier als Instrument verstanden, Frauen zu unterwerfen und verfügbar zu machen.
  • Trumpismus: Übernahme der Ikonographie der amerikanischen Alt-Right, dazu monumentale Inszenierung von Trump, Verwendung von Wojak- und Pepe-Memes in rechten bzw. Alt-Right-Kontexten oder mit entsprechenden Texten.
  • Saintismus: Kultische Verehrung von „Saints“ (Codewort für erfolgreiche rechtsterroristische Attentäter, wie zum Beispiel Anders Breivik, den Attentäter von Utøya), die als einsame, unverstandene Heroen für die weiße Rasse/gegen die vermeintliche Überfremdung zelebriert werden.
  • Fashwave / Gnomecore / Dark Maga: Namen musikalischer Subkulturen mit psychedelischer Ästhetik, die auf die Retro-anmutende „Vapor-Wave“-Ästhetik zurückgehen. Elemente anderer rechter Ästhetiken werden mit Club- und Drogenkultur kombiniert.

Die Art und Weise, wie sich die einzelnen Accounts und Akteure dieser rechten Ästhetiken bedienen, ist sehr unterschiedlich. Sogenannte „Vibe-Accounts“ nutzen die Symbolik in erster Linie, ohne sich politisch klar zu äußern. Stärker politisierte Vibe-Accounts nutzen sie, um ihre politischen Ansichten zu untermauern. Andere, eher in erster Linie politische Accounts, nutzen die Symboliken, um sich politisch klar zu positionieren, ohne dies offen auszusprechen. Ihnen allen gemein ist, dass sie die Ästhetik als geheime Zeichen nutzen. Sie signalisieren sich damit untereinander: Ich bin einer von Euch, ich folge Eurer Linie. Oder im Falle von politischen Personen: Ich bin jung und cool und weiß, wie ihr Euch unterhaltet und was Eure Themen sind.

Wie der Stil in Szene gesetzt wird

Politiker*innen sind oft auch massive Multiplikatoren für diese Themen und Ästhetiken online. Ein ganz konkretes und aktuelles Beispiel ist da der AfD-Politiker Maximilian Krah. Auf TikTok wendet er sich bewusst an junge Menschen, vor allem junge Männer. Die Titel seiner Videos lauten dann zum Beispiel „Echte Männer sind Rechts“. Krah nutzt TikTok für die direkte Ansprache; dafür nutzt er Interview-Schnipsel und klare, politische Botschaften. Andere Politiker*innen sind da subtiler und machen sich die rechte Ästhetik aktiv zu Nutze. Zum Beispiel die AfD-Lokalpolitikerin Lea Schulz, Mitglied im Kreistag von Dithmarschen. Sie hat auf TikTok beim „L’amour toujour“-Trend mitgemacht. In einem Video lächelt sie verschmitzt und bewegt ganz leicht die Lippen zur Parole „Ausländer raus“.

Solche sogenannten Lipsycns gehören zu einem verbreiteten Stil in der Szene. Die Nutzer*innen performen einen existierenden Song neu, indem sie ihre Lippen dazu bewegen. Diese Videos werden meist noch zusätzlich bearbeitet, zum Beispiel mit Schnitten, grafischen Effekten und Tanzbewegungen. In rechten TikTok-Bubbles finden sich hier Lieder aus dem 2. Weltkrieg, Bundeswehrschwüre, Rechtsrock oder auch Rechtsrap. Aber auch Mainstream-Songs wie „Hey ab in den Süden“ werden genutzt, um sich über Abschiebungen lustig zu machen. Ebenfalls gelipsynched werden Reden von Hitler oder Göbbels, die mit einem Beat unterlegt werden.

Andere Online-Subkulturen, in denen verstärkt rechte Ästhetik als Einfluss und Dogwhistle (dts. Hundepfeifen) genutzt wird, sind zum Beispiel Lifestyle-Accounts, die sich gezielt an junge Männer oder Frauen richten.

Junge Menschen in der Algorithmus-Falle

Junge Männer werden am ehesten mit den Themen Fitness, Karriere, Geld und Maskulinismus geködert – und darüber auch mit Antifeminismus. Der Tenor: Du musst stark, männlich, selbstsicher (und rechts) sein, um Erfolg zu haben und Frauen anzuziehen. Häufig finden sich Slideshows mit cooler oder aggressiv anmutender Musik. Der Fokus liegt auf dem Körper, Tätowierungen, Sportkleidung, Seitenscheitelfrisuren. Teilweise sind die Videos mit rechter Symbolik versehen, wie Reichsflaggen im Hintergrund. Die Stimmung: „Wir sind hart und unbesiegbar.“

Junge Frauen werden über die Themen Mode und Familie und sogenannte Vlogging-Accounts („Video-Blogging“) zu „Tradwife“-Accounts geführt. Die Tradwife lebt ihren Zuschauer*innen vor, wie sich eine „traditionelle Ehefrau“ (dt. für „traditional wife“) zu verhalten hat. Ein typisches Tradwife-TikTok zeigt eine feminin gekleidete junge Frau, vielleicht sogar in Kleidung, die Elemente einer deutschen Tracht enthält, bei einer Aktivität im Haushalt. Untermalt wird dies mit leichter, fröhlicher Musik und einem eingesprochenen Kommentar, der Frauen ermutigt, sich vom Feminismus abzuwenden und Erfüllung als Mutter und Ehefrau in einem patriarchalen Familiensystem mit klar definierten Geschlechterrollen zu suchen. Feminist*innen werden diskreditiert, beleidigt oder als Männer-Hasser*innen beschimpft.

Stehen politische Inhalte im Vordergrund, sind diese oft durchzogen von antisemitischen Narrativen und Mythen, Islamfeindlichkeit oder rechten Codebegriffen (wie Remigration, Ethnopluralismus bzw. „Völkervielfalt“, großer Austausch, Great Reset und ähnliche). Solche Codebegriffe werden fast beiläufig erwähnt, stehen im Hintergrund geschrieben oder sind klein auf der Kleidung zu sehen.

Mehr Beispiele und die komplette Untersuchung inklusive Studien zur rechten Online-Szene findest Du im Report „Das TikTok-Universum der rechten Szene“ der Bildungsstätte Anne Frank.

Bei vielen Videos sind die Fakten oder die inhaltliche Tiefe zweitrangig: Es geht um das Gefühl, das vermittelt wird. Es rüttelt die eigenen Emotionen auf, aktiviert dadurch und sorgt dafür, dass die Zuschauer*innen dranbleiben. Erst dann wird der Inhalt wichtig, mit einem Gefühl verbunden und somit leichter verinnerlicht. Riskant, wenn vor allem junge Zuschauer*innen zur Zielgruppe gehören.

Was tun, wenn Dir ein Video unterkommt, dass vermutlich zur rechten Bubble gehört?

Leider kann man als Nutzer*in oft nicht viel machen, gerade wenn es in dem Video eigentlich um ein ganz anderes Thema geht (Sport, Freizeit oder Mode). Was hier wichtig wird: Gegenrede! Die Gesellschaft muss sich auch online gegen demokratiefeindliche und rechte Positionen stellen, auch wenn diese nicht offen als solche erkennbar sind. Das ist wichtig, damit auch andere Nutzer*innen, gerade Jugendliche, sehen und erkennen, was für Inhalte und Personen sie hier vor sich haben.

Wenn der Inhalt eines Videos offen rechtsextrem ist, kannst Du das Video oder den ganzen Account melden. In den Richtlinien von TikTok heißt es: „Wir erlauben kein hasserfülltes Verhalten, Hassrede oder das Bewerben von hasserfüllten Ideologien.“ Bei wiederholter Missachtung der Regeln, so heißt es dort, sperre TikTok die betroffenen Accounts. Auch Instagram und Facebook haben einen solchen Passus in ihren Gemeinschaftsstandards, sie bezeichnen es allgemein als „Hassrede“. Das Melden von Videos oder Accounts macht die Plattform im besten Fall darauf aufmerksam, dass Handlungsbedarf besteht.

Damit aber wirklich etwas passiert, müssen viele Menschen erstmal auf den Meldebutton klicken und sich durch die Formulare klicken. Solange bleibt die Hassrede oder rechte Hetze weiter auf der Plattform stehen. Manchmal lassen die Plattformen die Videos auch trotz vieler Meldungen online – und verstoßen damit gegen ihre eigenen Richtlinien. Campact fordert daher von TikTok: Die Plattform muss die rechtsextremen Konten der AfD sperren und die Hass-Botschaften stoppen. Mit einem Klick auf den Button kannst Du Dich dem Protest gegen Hass und Hetze anschließen.

Klicke hier und fordere TikTok auf, gegen Hassrede vorzugehen
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