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Please mind the gap: Was ist eigentlich Klassismus?

Klassismus wird kleingeredet, übersehen oder gar von der politischen Rechten instrumentalisiert. Also lasst uns mehr, differenzierter und intersektionaler drüber reden! Warum genau das wichtig ist – aktuell noch mehr als je zuvor.

Heißt man an deutschen Schulen, Jacqueline, Chantal oder Kevin, kann man oft Zielscheibe von Mobbing, Vorurteilen und unberechtigten Zuschreibungen werden. Die Gründe: Klassismus, klassistische Stereotype und gelernte Bewertungen.
Du gehst auf eine deutsche Schule und heißt Jacqueline, Chantal oder Kevin? Dann ist die Chance hoch, dass Du Zielscheibe von Mobbing, Vorurteilen und unberechtigten Zuschreibungen wirst. Die Gründe: Klassismus, klassistische Stereotype und gelernte Bewertungen. Symbolfoto: IMAGO / photothek

Über Ostern war ich mit einer Freundin spazieren. Wir redeten über Serien und den Netflix-Hit „Selling Sunset“, einer Reality Show über Luxusimmobilienmaklerinnen in Los Angeles. Eine Serie, die unserer Meinung nach mit minimal wenig Inhalt maximal viel Gesprächsbedarf weckt. Wir sprachen über die dort inszenierten Lebenrealitäten, die sich um Botox, Whiteness und Skinniness in Form von unnatürlich schlanken Blondinen und ihrem sozialen Drama kreisen. Und fragten uns, ob es eigentlich befreiend oder anstrengend ist, all die anderen Seiten L.A.s so dogmatisch auszublenden. Schließlich nimmt die Schere zwischen Arm und Reich in den USA drastisch zu. Laut den Daten des Census Bureau war sie 2018 auf dem bisher stärksten Level seit den letzten 50 Jahren. Damit sei auch eine enorme Kluft zwischen den Super-Superreichen und dem Rest der Bevölkerung entstanden. In anderen westlichen Ländern erleben wir ähnliche Entwicklungen. Auch in Deutschland wächst die Schere zwischen Arm und Reich.

Der Osterspaziergang geht weiter, aber wir bleiben bei der Frage stehen: Wie können wir eigentlich angemessen über solche Entwicklungen sprechen? Unbehagen entsteht. Meine Freundin verrät mir: „Ein Freund meiner Mutter, ein emeritierter Soziologie-Professor, argumentierte letztens, dass es Klassen ja eigentlich nicht mehr geben kann. Und damit auch keinen Klassismus.“ Und tatsächlich stolpere ich auch immer wieder über diese Annahme oder über die, dass „Klassismus“ nur ein kürzlich erfundener Behelfsbegriff sei. Das scheint erstmal nachvollziehbar. Das öffentliche Sprechen über Klassismus hat in Deutschland erst in den letzten Jahren richtig Fahrt aufgenommen und ist jetzt wahrscheinlich erstmals einem breiteren Publikum sichtbarer geworden. Und so erklärt sich, dass einerseits in kleinen Bubbles hitzige Debatten über Nuancen geführt werden. Während auf der anderen Seite erst einmal die Legitimationen von Klassismus besprochen werden, und die meisten wahrscheinlich erstmals überhaupt von Klassismus hören. Also, lasst uns doch einfach mal besprechen, was Klassismus eigentlich ist und warum wir heute noch bzw. wieder von „Klasse“ sprechen.

Was ist eigentlich Klassismus?

Kurz gefasst ist Klassismus klassenbezogene Diskriminierung. Klassismus benennt also die Vorurteile gegen oder die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Position bzw. sozialen Herkunft. Das betrifft zum Beispiel Wohnungslose, einkommensschwache Familien und deren Kinder oder Erwerbslose. Letztere sind eine seit vielen Jahren medial beliebte Zielscheibe klassistischer Abwertungen. Wer erinnert sich beispielsweise noch an die BILD-Überschrift: „Deutschlands faulster Arbeitsloser jubelt – ’Jetzt gibt’s Hartz IV auf dem Silbertablett!’“? Die Titelstory war die Antwort darauf, dass das Bundesverfassungsgericht im November 2019 die Sanktionen gegen ALG-2-Empfänger:innen einschränkte. Dabei reiht sich die Überschrift in eine lange Tradition medialer Diffamierungen von Erbslosen ein.

Vor allem Debatten über Langzeitarbeitslosigkeit füllten die Talkshows der 1990er Jahre und frühen 2000er. In Formaten wie „Vera am Mittag“, „Arabella“ und „Andreas Türk“ wurden regelmäßig Erwerbslose als faul, dumm und gierige Nutznießer:innen des deutschen Sozialstaats dargestellt. Auch sei ihr sozialer Status ihre eigene Schuld und ihrem Unwillen zur Arbeit geschuldet. Und immer wieder begegnete hier der Zuschauerschaft das personifizierte Übel in Form von sozialen Figuren, wahlweise mit den Namen Mallorca-Maik, Ibiza-Ingo oder Karibik-Karen. Menschen, die angeblich mit Hilfe ihrer Sozialhilfe ein schamlos-genüssliches Leben auf Südseeinseln und wie im Urlaub verbrachten. Wurden diese Erzählungen in den 90ern vorrangig als abschreckend präsentiert, waren sie in den frühen 2000ern eine beliebte Erzählung für kulturelle Appropierung. Hipster-Chic und die 550-Euro-Aldi-Tüte als Accessoire zum sogenannten „Penner-Look“ aus der Lars-Eidinger-Kollektion sind dabei nur zwei Beispiele unter vielen. Oder Klassismus-Betroffene wurden zu Witzfiguren, im sogenannten „Unterschichten“-Fernsehen und bei Stefan Raab. Ein kollektives, mediales Nach-Unten-Treten – Hahaha.

Nicht nur ein Medien-Problem

Das Fernsehen hat Klassismus aber nicht erfunden. Vielmehr erleben Betroffene jenseits solcher Vorurteile auch auf institutioneller Ebene Klassismus, was sich beispielsweise in kategorisch schlechteren Löhnen widerspiegeln kann. Aber auch die Sanktionierungsprozesse von Erwerbslosigkeit, die mit Hartz IV entstanden, fallen hier hinein. Auf der Einzelebene zeigt sich Klassismus zum Beispiel in Form von Vorurteilen gegen und Diskriminierung von Schulkindern aus erwerbsschwachen Familien.

Auf WeAct, der Petitionsplattform von Campact, hat sich die Initiative „Sanktionsfrei e.V.“ für eine Überarbeitung des Hartz-IV-Systems eingesetzt. Mit Erfolg: Seit Januar 2023 gibt es stattdessen das Bürgergeld. Lies hier alles zur Petition und zur Forderung, die weiter bestehenden Sanktionen abzuschaffen:

Dafür reicht oft es schon einen vermeintlichen „Unterschichten“-Namen wie Chantal, Kevin, Mandy oder Justin zu haben – frei nach dem Motto „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“. Das ergab auch eine Studie der Universität Oldenburg aus dem Jahr 2009. Laut ihr riefen allein Vornamen, die unteren Schichten zugeordnet wurden, bei Lehrkräften das Vorurteil „verhaltensauffällig“ hervor. Das wiederum lege nahe, dass die entsprechenden Schüler:innen in Schubladen gesteckt und folglich auch in der Schule schlechter abschneiden würden. Quasi eine selbsterfüllende Prophezeiung, die mit Klassismus wieder Klassenunterschiede herstellt. Und auch bei den Betroffenen kann internalisierter Klassismus diesen Effekt haben. Klassistische Abwertungen, Diskriminierung und Vorurteile lösen bei Betroffenen Scham aus, was zu Isolation und Ohnmacht gegenüber der eigenen Situation führen kann, beschreibt zum Beispiel der Sozialwissenschaftler Nikolai Huke. Ein Teufelskreis für Betroffene, der ebenfalls soziale Hierarchien in Form von Klassen manifestiert.

Leben wir überhaupt in einer Klassengesellschaft?

Kulturwissenschaftler:in Francis Seeck antwortet auf diese Frage in der Streitschrift „Zugang verwehrt.“ mit einem klaren: Ja! Unsere Gesellschaft organisiere sich sich schließlich in sozio-ökonomischen Hierarchien und die nehmen nicht ab, sondern verschärfen sich zunehmend. Dafür sprechen auch die Zahlen: So klafft laut einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) von 2018 die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland und anderen westlichen Ländern immer weiter auseinander. Das betrifft auch den sozialen Aufstieg: „In Deutschland könnte es sechs Generationen dauern, bis die Nachkommen einer einkommensschwachen Familie das Durchschnittseinkommen erreichen“, heißt es weiter im Bericht.

Auch innerhalb einer Generation wird der Aufstieg immer schwerer. Vielmehr bleiben mit einer hohen Wahrscheinlichkeit (74 Prozent) die reichsten 20 Prozent an der Spitze und die Ärmsten mit einer Wahrscheinlichkeit von 58 Prozent auch in den folgenden Jahren am Boden. Zudem verfügt das reichste Zehntel der Deutschen über 65 Prozent des deutschen Gesamtvermögens, während die unteren 50 Prozent nur 1 Prozent des Gesamtvermögens besitzen. Von diesem unteren 50 Prozent wiederum haben 20 Prozent überhaupt kein Vermögen oder sind verschuldet. Das zeigt der Verteilungsbericht des Wirtschaft- und Sozialwissenschaftliche Instituts von 2020. Er betont zudem: Die Coronajahre haben diese Entwicklung noch verstärkt. Vor allem die unteren Einkommensgruppen haben während der Krise Einbußen erlitten. Ein Hinweis für den Bericht darauf, dass die Einkommensungleichheit durch die Krise weiter zunehmen könnte.

Klasse: Ein vernachlässigtes Tabu-Thema

Dennoch wurde bis vor kurzem in Deutschland wenig über Klassismus gesprochen. „Klasse“ galt als überholt oder politische Spielart von Vintage-Marxist:innen. Mitte der 80er entwickelte der Soziologe Ulrich Beck die Idee vom „Fahrstuhleffekt“. Ein vielzitiertes Konzept, laut dem seit den 50ern in der BRD der Wohlstand immer mehr für alle zunehme und damit alle Menschen allmählich immer weiter aufsteigen würden. Bis heute dominiert die Idee der Leistungsgesellschaft den öffentlichen Diskurs. Ihr Versprechen: Jede Person sei ihres Glückes Schmied:in und müsse sich nur richtig anstrengen, um beliebig aufzusteigen. Im Umkehrschluss heißt das aber, dass Menschen in Armut selbst an ihrer Lage Schuld sind, nicht etwa strukturelle Ungleichheiten. Quasi ein Freifahrtschein für Klassismus auf allen Ebenen, der uns zurück zum klassistischen Märchen des faulen Erwerbslosen in der Südsee führt.

Das bröselt nur langsam auf. In den letzten Jahren sind zahlreiche neue Publikationen erschienen, die sowohl biografisch als auch wissenschaftlich auf Klassismus aufmerksam machen. Eine begrüßenswerte Entwicklung, wenn auch eine verwunderlich späte. Denn anders als man vermuten mag, ist Klassismus kein Begriff, der erst mit anderen gruppenbezogenen Diskriminierungs-ismen wie Sexismus und Rassismus entstand. Die Idee steckt schon im Kapitalismus als Klassengesellschaft selbst mit drin. Der Begriff „Klassismus“ ist nahezu ähnlich alt. Mit „classism“ wurden in Großbritannien, spätestens seit 1839 und in Frankreich Mitte des 19. Jahrhunderts, klassenbezogene Ungerechtigkeiten öffentlich-schriftlich benannt, betont der Soziologe Andreas Kemper. Im frühen 20. Jahrhundert fand „classism“ Einzug in zahlreiche Publikationen von kritischen Gesellschaftstheoretiker:innen. In den 1970ern erlebte er in den USA eine Renaissance im Kontext der Thematisierung von Mehrfachdiskriminierung. Zum Beispiel taucht er als politischer Kampfbegriff bei dem lesbischen Arbeiter:innenkollektiv „The Furies“ auf. Auch im Schwarzen Feminismus spielte der Begriff eine wesentliche Rolle.

In Deutschland verzögerte sich diese Renaissance deutlich: Während in der alten BRD öffentliche Debatten eher von Ideen wie Leistungsgesellschaft und Fahrstuhleffekt geprägt waren, erlebte Klassismus als Idee eine starke staatlich-ideologische Vereinnahmung in der DDR. Im wiedervereinigten Deutschland wurde das öffentliche Sprechen von Klassismus erst in den letzten zehn, fünfzehn Jahren lauter. Damit ist ein gegenwartsbezogenes Nachdenken über Klassismus und seine Sichtbarkeit auch für Nicht-Betroffene noch ziemlich in den Kinderschuhen. Dabei brauchen wir ihn dringend! Nur weil Klassismus wenig besprochen wird, ist er nicht weniger aktuell. Und so wie aktuelle Entwicklungen nahe legen, wird er zukünftig auch immer mehr Menschen betreffen. Dennoch wird Klassismus bis heute kleingeredet, übersehen oder gar von der politischen Rechten instrumentalisiert. Also lasst uns mehr, differenzierter und intersektionaler über Klassismus reden, egal ob es um Netflix, Kevin und Chantal oder Menschen in Armut geht.

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